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Herdenschutz

Seit dem wieder ein paar Wölfe, Luchse und sogar Bären durch unsere westeuropäischen Berge pirschen ist das Thema Herdenschutz in aller Munde. In den südlichen Ländern waren sie nie ganz verschwunden oder schon länger zurück und man hat sich mit ihnen offenbar arrangieren können. In den östlichen Teilen Europas waren sie immer präsent und das Zusammenleben hat Tradition. In den nördlicheren Gefilden, wo diese einheimischen Grossraubtiere schon lange ausgerottet waren, gestaltet sich das Wiedersehen schwieriger.

Für viele sind diese urtümlichen Wesen heute ein Symbol dafür, dass wir fähig sein können und müssen wenigstens in den letzten intakten Lebensräumen eine selbstregulierende Lebensgemeinschaft in ihrer ursprünglichen Vielfalt, ihrer gegenseitigen Abhängigkeit und Ergänzung zu erhalten, resp. wieder herzustellen. Andere sehen (manchmal gezwungenermassen) nur die praktischen Schwierigkeiten die sich in unserer profitorientierten und- abhängigen Umwelt ergeben, noch andere geben sich, vielleicht auch etwas genussvoll, althergebrachten Aengsten anheim.

In allen betroffenen Alpenländern, wie auch in den Pyrenäen, gibt es heute staatliche und private Programme zum Schutz der Wölfe etc. (www.kora.ch). Praktisch geschieht dies vor allem über den Schutz der Schafherden. Wo keine Opfer sind gibt es keine Kläger. Diese Unterfangen werden unterschiedlich aufgenommen, denn obwohl erhebliche Anstrengungen gemacht werden, viel guter Wille und zum Teil auch finanzielle Mittel vorhanden sind, bringt die Umsetzung der Ideen verschiedene Probleme mit sich.

Diese Schwierigkeiten sind einerseits wirtschaftlicher, andererseits kultureller Art. Die wirtschaftlichen Aspekte sind leicht nachvollziehbar. Viehzucht in den Bergen ist heute absolut unrentabel und kann nur durch staatliche Zuschüsse am Leben erhalten werden. Die Funktion der Landschaftspflege rechtfertigt dies.

Die Schafe, die wohl am meisten durch Beutegreifer gefährdet sind, liefern das deutlichste Beispiel: Die Wolle ist mangels Nachfrage nichts mehr wert, das Fleisch kann nicht zu konkurrenzfähigen Preisen produziert werden, allein die Milch kann vielleicht noch einen mühsam erkämpften Gewinn abwerfen.

Die mangelnde Rentabilität beschränkt automatisch den Pflege- und Ueberwachungsaufwand der investiert werden kann. Sicherlich sterben mehr Tiere an diesen Mängeln als durch Raubtiere. Der erste Kostenfaktor der eingespart wird ist der Hirte. Ohne Hirte kein Hund. Womit wir also bei den Herdenschutzhunden angelangt wären.

Diese werden inzwischen den Schafzüchtern förmlich aufgedrängt, oft mit durchaus negativen Folgen. Denn da kommt der kulturelle Faktor ins Spiel: Die Kenntnis und Erfahrung der Arbeit am und mit dem Hund sind bei den direkt betroffenen Tierhaltern weitgehend verloren gegangen.

In dieser Situation stützt man sich gezwungenermassen auf alte Ueberlieferungen. Das erste überlieferte Gebot für die Erziehung eines Herdenschutzhundes lautet: Frühe Prägung auf die ihm anvertrauten Tiere und gleichzeitig nur minimale Sozialisierung dem Menschen gegenüber. Nur so, heisst es, akzeptiert der Hund auch mit der Herde allein gelassen zu werden, ohne unbedingt bei dem sich zeitweise entfernenden Menschen bleiben zu wollen.

Das ist soweit durchaus richtig. Die Konsequenz davon ist aber, dass die Hunde, die z.B. den Sommer mit der Herde auf einer Alp zugebracht haben, wenn sie dann im Herbst in dichter besiedelte Gefilde zurückkehren, zu unberechenbaren Gefahrenquellen gegenüber fremden Menschen werden. In unseren empfindsamen Zeiten muss man da einen Kompromiss zwischen der Bindung an die Herde und den Menschen finden. Dazu braucht es Zeit und Erfahrung, die heute oft fehlt.

Durch die sicher gut gemeinte Politik ausgebildete Herdenschutzhunde mehr oder weniger gratis an Schäfer abzugeben und ihnen sogar mindestens Teilweise die Haltungskosten zu ersetzen, entstehen oft unliebsame Situationen. Es reicht nicht dass der Hund ausgebildet ist. Herdenschutz ist Teamwork, organisches Ganzes.

Der Schäfer und die Schafe müssen ebenso auf diese Zusammenarbeit vorbereitet sein. So hat es sich gezeigt, dass eine Herde auf die Präsenz von ihr nicht, oder nicht lange genug, bekannten Hunden mit Nervosität, Abmagern und verringerter Milchproduktion reagieren kann. Solche Vorkommnisse sprechen sich herum und die Hunde haben sofort einen schlechten Ruf.

Oft wird die Diskussion auch durch Verhältnissblodsinn verfälscht. So lautet z.B. in der Schweiz ein Argument, dass auf 400 000 Schafe ganze 70 ausgebildete Herdenschutzhunde kommen. Das ist sicher zu wenig, aber man sollte auch bedenken, dass die Zahl der Wölfe zur gleichen Zeit auf 5 geschätzt wird. Diese können wohl kaum 400 000 Schafe bedrohen. Eine französische Statistik wiederum rechnet vor, dass auf ein von einem Wolf getötetes Schaf 40 Tiere kommen, welche von streunenden Hunden gerissen wurden.

Ein weiteres gerne vorgebrachtes Argument ist, dass, besonders in der Schweiz, die Herden oft zu klein sind um aufwändige Schutzmassnahmen zu rechtfertigen. Dazu gibt es mindestens zwei Gegenargumente: erstens wurden von Alters her die Herden verschiedener Besitzer für die Sömmerung kollektiv geführt und zweitens muss eine Herde, ob gross oder klein, immer auf Krankheitsfälle oder Unfälle kontrolliert werden, auch ohne potentielle Räuber. Dafür ist der Aufwand in Bezug auf eine Kleinherde, in den abgelegenen Gegenden wo diese Beutegreifer auftreten könnten, wiederum nicht besonders verhältnismässig.

In eigener Sache ist noch hinzuzufügen, dass die meist eingesetzten Rassen (Maremmanos, Pyrenäenberghunde, Bernhardiner) möglicherweise nicht die beste Wahl sind. Wenn man aus Rassen die auf einem äusserst kleinen Gen-Pool aufbauen über lange Zeit viele Tiere produziert, kann das nur zu körperlichen und charakterlichen Degenerations-Erscheinungen führen.

Es wird weiter nicht erstaunen dass wir der Meinung sind mit den Zentralasiatischen Hirtenhunden die Rasse gefunden zu haben welche durch ihre körperlichen und geistigen Fähigkeiten am besten für diese anspruchsvolle Aufgabe geeignet ist.

Leider hat die Rasse bei den Entscheidungsträgern der betreffenden Programme scheinbar den Ruf besonders gefährlich zu sein. Dies ist auf Grund unserer Erfahrung nicht nachvollziehbar und muss wohl auf eine Verwechslung mit dem Kaukasischen Hirtenhund oder auf simpler Unkenntnis beruhen.

 

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